Gymnasium Bayreuther Straße Wuppertal

Austausch lohnt sich!

Vom 19.08.2018

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“
Alexander von Humboldt


Als unsere Tochter eines nachmittags von der Schule nach Hause kam und uns fragte, ob wir eine Austauschschülerin für ein halbes Jahr aus Mexiko aufnehmen würden, waren unsere Gefühle eher gespalten. Da wir selber gerne reisen und es lieben, uns mit anderen Kulturen auseinander zu setzen, war da auch der Respekt vor der Verantwortung, ein weiteres Kind – oh, Entschuldigung – einen weiteren Jugendlichen aufzunehmen. Haben wir doch selbst zwei „Pubertiere“ zu Hause, erschreckte uns die Vorstellung, ein weiteres dieser Spezies durch diese herausfordernde Zeit zu begleiten. Was, wenn wir eine Partymaus bekommen, die sich nur schwer an Regeln halten kann oder alkoholtechnisch über die Stränge schlägt. Also haben wir Frau Gößmann (Lehrerin am Gymbay und Koordinatorin der Austauschprogramme) zunächst die Zusage für drei Monate gegeben.

Nachdem die Kontaktdaten zu unserer Gastschülerin Ivana ausgetauscht waren, haben wir im Vorfeld mehrfach mit der Familie geskypt. Sowohl Ivana als auch die gesamte Familie waren hierbei sehr offen, herzlich und lustig, so dass unser anfänglich skeptisches Gefühl umschlug. Wir freuten uns nun sehr über die Ankunft von Ivana und richteten unser Gästezimmer alle gemeinsam für sie her. Die kulturellen Unterschiede traten erstmals bei der Terminplanung zu Tage. Buchen wir solche weiten Reisen monatelang im Voraus, wurde der Ankunftstermin von Ivnan öfters verschoben. Fast bis zum Schluss wussten wir nicht, wann genau und mit welchem Flug Ivana eintreffen würde – frei nach dem Motto: „mañana, mañana“.

Am 29.01.2018 war es dann soweit. Um 9.50 Uhr sollte Ivana am Düsseldorfer Flughafen landen. Wir begrüßten ein sehr offenes und freundliches aber auch müdes Mädchen.



Zur gleichen Zeit wohnte ein weiteres mexikanisches Mädchen, Fernanda, die die gleiche „Deutsche Schule“ in Guadalajara besucht, hier in Wuppertal. Wir luden Fernanda zum Abendessen ein, so dass Ivana der Einstieg etwas leichter fiel.



Am nächsten Tag wollte Fernanda mit Ivana mit dem Zug nach Düsseldorf fahren, was für Ivana den ersten „Kulturschock“ bedeutete. Ist es in Mexiko viel zu gefährlich alleine oder mit einer Freundin in die Stadt zu fahren und dann auch noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ist dies für uns hier selbstverständlich. Auch im weiteren Verlauf des Austauschs hat Ivana diese Freiheit, sich alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen, sehr genossen.

In gut situierten Familien, wie der von Ivana, ist es üblich, dass Hausangestellte sich ganztags um Haus und Garten kümmern. So war Ivana anfangs verwundert, dass hier alles selbst erledigt wird. Zum Beispiel: Das Kochen, den Tisch decken und abräumen und das Geschirr in und aus der Spülmaschine räumen, wobei sie dann aber auch direkt und gerne mithalf. In dem Zusammenhang machten wir sie dann auch mit einer weiteren sehr deutschen Eigenschaft vertraut – dem Handwerken! Da mittlerweile unsere Schildkröten aus der Winterstarre erwacht waren, brauchten wir ein Schlafhaus, welches wir gemeinsam mit Ivana gebaut haben.



Ivana wurde hier recht schnell heimisch und baute sich neben dem Freundeskreis unserer Tochter auch eigene Bekanntschaften auf.

Außerdem spielt Ivana sehr gut Tennis, so dass wir sie gleich in zwei Clubs angemeldet hatten. Zu ihrem Training fuhr sie stets mit dem Fahrrad (nach anfänglicher Verunsicherung). Eines Mittags rief sie mich im Büro an, dass sie nicht zum Training könne. Als ich nach dem Grund fragte, meinte sie: „Weil es regnet!“ (Zuhause bei ihr regnet es weniger häufig und man bleibt dann i.d.R. zu Hause.) Darauf habe ich dann lachend erwidert: „Wenn Du danach gehst, kannst Du gerade in Wuppertal nur sehr selten zum Training gehen. Zieh‘ eine Regenjacke an und los geht’s.“

Ivana war eine große Bereicherung für unser Familienleben. Dank ihres freundlichen und stets gut gelaunten Wesens, trug sie für gute Stimmung, gerade bei den Mahlzeiten, bei. Apropos Mahlzeiten: Ivana liebt das deutsche Essen, besonders das gute und abwechslungsreiche Brot sowie Kuchen aller Art. Wenn wir zum Essen gerufen haben, war sie stets die Erste.

Ihre anfangs etwas holprigen Deutschkenntnisse verbesserten sich von Tag zu Tag. Aber auch wir lernten ein wenig spanisch, wobei Ivana sich bei der Vermittlung eher auf’s Fluchen und Zweideutige konzentrierte und uns dazu auch stetig Vokabelkärtchen schrieb. Wir hatten dabei einen mörderischen Spaß, auch wenn wir unsere neu erworbenen Sprachkenntnisse wahrscheinlich nicht überall anwenden können.

Ivana ist ein richtiger Familienmensch und verbrachte auch viel Zeit mit uns Eltern. Da wir sehr gerne Gesellschaftsspiele spielen, war unser Ritual, sonntags nach dem Frühstück eine Runde zu spielen. Hierbei lernten wir Ivanas „dunkle Seite“ kennen . Anfangs fiel es ihr sehr schwer auch einmal zu verlieren, was sie mit einem wütenden „WARUM“ kommentierte. „WARUM“ wurde zu einem unserer geflügelten Worte.



Außerdem hat sie ihre Freude am Nähen entwickelt, so dass wir auch hier viel kreative und gemeinsame Zeit miteinander verbracht haben.



Aber natürlich hat Ivana auch viel Zeit mit ihren Freunden und auf Partys verbracht. Jedoch hat sie sich stets an die Regeln gehalten und war zum verabredeten Zeitpunkt zu Hause.









Selbstverständlich haben wir viel gemeinsam unternommen, sind zu einem Freizeitpark gefahren und haben ein Mädelswochenende (wenn ich mich noch als „Mädel“ bezeichnen darf) in Amsterdam verbracht.



Aber es sind noch viel zu viele Punkte offen geblieben, so dass wir hoffen, diese bald gemeinsam mit Ivana „abarbeiten“ zu können.















Leider ist das knappe halbe Jahr viel zu schnell verflogen und der Abschied unseres mittlerweile dritten Kindes nahte. Zum Abschluss hatte sich Ivanas Familie angekündigt, die im Anschluss noch eine Reise nach Irland, Schottland und England unternehmen wollte. Ende Juni wurde es voll, lustig und mexikanisch bei uns.



Zunächst holten wir Ivanas Eltern und ihren mittleren Bruder Juan Pedro ab, den wir aber zu einem Wuppertaler Freund brachten, den er während seines Austauschs (ebenfalls am Gymbay) kennengelernt hat. Wir verbrachten ein paar schöne Tage bei bestem Wetter bei uns gemeinsam zu Hause. Später kam noch Ivanas ältester Bruder, der bei der Bundeswehr in Thüringen stationiert ist, zu Besuch.







Erklärend muss man dazu sagen, dass alle Kinder eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen (deutsch und mexikanisch), da die Großeltern deutschstämmig sind. Die letzte Nacht vor Ivanas Abreise war dann die komplette fünfköpfige Familie bei uns versammelt, um an Ivanas AbschiedsÜberraschungsparty mit über 30 Gästen teilzunehmen. Das war eng aber sehr gemütlich.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir es zu keinem Zeitpunkt bereut haben, eine Gastschülerin aufzunehmen – ganz im Gegenteil, wir vermissen unser „drittes Kind“ sehr! Die Sommerferien verbringt unsere Tochter in Mexiko und ist begeistert von der Gastfreundschaft, dem leckeren mexikanischen Essen und der familiären Art ihrer Austauschfamilie.





Es ist wirklich schade, dass so viele Kilometer zwischen unseren Familien liegen aber wir sind glücklich, neue Freunde gewonnen zu haben und werden mit Sicherheit in den nächsten zwei Jahren nach Mexiko reisen. Mittlerweile stehen wir auch schon wieder in Kontakt mit einer weiteren mexikanischen Familie aus der gleichen Schule in Guadalajara, dessen Sohn wir im Januar 2019 für ein halbes Jahr aufnehmen. Er ist im gleichen Alter unseres Sohnes und wir freuen uns schon sehr auf ihn…die Skype Leitung glüht schon wieder…

Gerne stehen wir für Fragen bereit. Wir haben auch eine Checkliste erstellt, die Frau Gößmann gerne zur Verfügung stellt, um auch die bürokratischen Dinge nicht aus dem Auge zu verlieren.

Herzliche Grüße,
Familie Emde

Text/Bilder: Frau Christine Emde

Christian Weier